Geschichte der Bruderschaft

Wie ist sie entstanden? Ein Streifzug durch Jahrhunderte Geschichte (Frères de la Côte)

Zeichnung aus dem 17. Jahrhundert

Île de la Tortue

Sie entwickelte sich im frühen 16. Jahrhundert im nordöstlichen Teil der von Columbus am 6. Dezember 1492 entdeckten und sogleich „getauften“ caribischen Inseln Hispaniola und Tortuga. Es waren vorwiegend französische, aber auch andere europäische Jäger an der Nordost-Küste des heutigen Haiti – vis-à-vis der kleinen Insel La Tortue. Ein Teil dieser Jäger entwickelte eine Technik der Fleischkonservierung, die sie von den bald ausgerotteten Ureinwohnern, den friedlichen Arawaks, gelernt hatten: das Räuchern („boucaner“).

Es waren kleine Gruppen von freiheitsliebenden europäischen „Aussteigern“, die im Laufe des 16. Jahrhunderts immer wieder von den im Westen der Insel Hispaniola residierenden Spaniern vertrieben wurden. Diese permanente Bedrohung durch die Spanier trieb Teile der „Boucaniers“ schon im frühen 16. Jahrhundert auf die Insel La Tortue. Nach den ersten Vertreibungen ungeliebter Mitbewohner von der nordöstlichen Insel Hispaniola vermehrten sich zurückgelassene Schweine und Rinder in der damals üppigen Natur derartig schnell und andauernd, dass diese Fleischquelle noch lange Jahre unerschöpflich erschien. Das „boucanierte“ Fleisch war auch die ideale haltbare Kraftnahrung für die sich im 16. Jahrhundert entwickelnden „Flibustiers“ (Freibeuter).

Buccaneer

Buccaneer

Diese fanden bis in das späte 16. Jahrhundert hinter dem Korallenriff der Insel La Tortue geschütze Ankerplätze. La Tortue entwickelte sich unter ständig wechselnden Gouverneuren, die anfangs fast völlig eigenständig regierten und die vor La Tortue ankernden Flibustiers mit „Comissions“ beauftragten: Kaperfahrten gegen zunächst schwimmende, später aber auch an den umliegenden Küsten liegende, feindliche Ziele. Mit Piraterie hatte dies aber nichts zu tun. Es waren vielmehr im Zeitgeist „legale“ Kriegshandlungen.

1640 bis 1675 entstand auf La Tortue ein blühender Umschlagsplatz für Raubgut sowie für das bukanierte Fleisch und die Felle der nur teilweise auf La Tortue wohnenden, aber auf Hispaniola jagenden Bukaniere.
Ansonsten war der rote Textilfarbstoff „Bois de Brasillet“ ein wichtiges Handelsgut, für das viele Schiffe aus Europa La Tortue anliefen. Die Arbeit selbst erledigten „Engagés“, die für jeweils drei Jahre Arbeit aus Europa importiert wurden. Außerdem gab es Sklaven – zu Beginn aus der Karibik, später aus Afrika.

So sind ursprünglich eigentlich nicht die seefahrenden Flibustiers die geistigen Vorfahren der heutigen Frères de la Côte, sondern die jagenden und handelnden Bukanier, denn diese entwickelten die spezielle Kombination von freiheitsliebendem Teamgeist und Kameradschaft, die heute als Vorbild der Brüder der Küste dienen (soll). Allerdings wurden auf La Tortue die besonders tapferen und mit überlangen Musketen präzise schießenden Bukaniere besonders gerne von den Kapitänen der Flibustiers angeheuert. Sie unterwarfen sich der Kapitänshoheit allerdings nur im Rahmen der Kampfhandlungen und waren frei, jederzeit wieder „auszusteigen“. Es galten auch „basisdemokratisch“ ausgehandelte Verteilerschlüssel für das Beutegut.

Die Bukaniere waren zunächst eine reine Männergesellschaft. Erst gegen Mitte des 16. Jahrhunderts importierte einer der französischen Gouverneure junge Frauen aus Frankreich, die zur Hochzeit auf La Tortue gekauft werden konnten, um die Bukaniere sesshaft zu machen. Die Frauen konnten aber auch eigenständig am Beutegut der seefahrenden Männer gut verdienen.

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts wurde La Tortue als Umschlagplatz und Zwischenstation für die Schiffe unbedeutend. Die verbleibenden seefahrenden Bukaniere wanderten aus oder wurden nun tatsächlich zu „echten“ Piraten.